Der Seidlpark

„Warum sollte ich nicht auch einige Bäume besitzen und als bescheidenes Nest

einen Arbeitsraum mit einem Alkoven als Schlafzimmer?“ - So sann und überleg-

te ich, als ich auf einer schönen Wiese an der alten Straße von Murnau nach

Garmisch saß. Ein sonniger Hang fällt sanft gegen eine große mit bewaldeten

Kogeln durchzogene Ebene ab - ein altes Seebecken - und somit immun gegen

alle schlechten Villen, die allenfalls Lust hätten, die schöne Landschaft zu verder-

ben.

Ein malerisches Dorf bildet einen reizenden Vordergrund, während eine Kette von Bergen, die sich immer weiter kulissenförmig bis zum Wettersteingebirge

in wundervoller Gruppierung vertiefen, das ganze Bild umrahmt.

Abseits stehen große hundertjährige Eichen am Rande einer tiefen Schlucht.


Bald war ich glücklicher Besitzer einer kleinen Parzelle der Wiese, auf welcher

ich mich niedergelassen hatte und steckte meine Hütte ab. Hier wollte ich mein

kleines Junggesellenheim aufschlagen und in aller Ruhe genießen. Die alten

Eichen waren meine Freunde und diese Freundschaft wollte ich mir sichern. -

Andere Leute haben Kinder, ich wollte dafür Bäume. Sie kosten auch Geld

und wachsen tun sie auch. -“



(aus „Mein Landhaus“ 1910)